
Kamen >> Wer meint, dass Hauptschüler
sowieso keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, der kennt Daniel Wiens nicht.
André und Frank Maiwald von der gleichnamigen
Klavier- und Flügelgalerie kennen ihn: Und haben ihn deshalb als Auszubildenden
eingestellt.
Von Johannes Brüne
Seit August lernt Daniel in der
Werkstatt an der Herbert-Wehner-Straße den Beruf des Klavierbauers. Dabei
verfügt der 17-Jährige „nur" über einen Abschluss, den er an der Hauptschule in
Bönen gemacht hat. Aber das Schulzeugnis allein ist für die Maiwalds gar nicht das
wichtigste Kriterium bei der Auswahl ihrer Azubis.Im Fall von Daniel haben sie
auch nicht die Katze im Sack gekauft: Bevor er seine Lehre in der Flügelgalerie
angetreten hat, hat der junge Mann dort ein Kennenlern-Praktikum absolviert. Und
dabei seine heutigen Chefs von seinen Fähigkeiten überzeugt: „Bei so einem
Schülerpraktikum sieht man immer schon, ob Interesse an dem Beruf da ist", sagt
Frank Maiwald. „Daniel ist sehr
geschickt und arbeitet sehr sorgfältig", lobt André Maiwald. Zudem bringt Daniel
eine Fähigkeit mit, auf die die Maiwalds großen Wert bei ihren
Azubis legen: Er hört genau zu, was ihm seine Ausbilder sagen und hält sich auch
daran.Das bedeutet nicht etwa, dass in der Flügel-Werkstatt eine autoritäre
Atmosphäre herrscht. Aber die Instrumente, die die Maiwalds und ihr
Klavierbaumeister Bernd Schmelter reparieren und restaurieren sind zumeist
ziemlich wertvoll. Deshalb sollte ein Lehrling schon wissen, was er tut – und
was er besser lässt. André Maiwald kann sich noch an einen
ehemaligen Azubi mit Abitur erinnern, der irgendwann meinte, auf eigene Faust an
einem Flügel herumwerkeln zu können und dabei einen relativ hohen
Materialschaden angerichtet hat: „Das darf nicht passieren."Daniel murrt auch
nicht, wenn er Routinearbeiten übernehmen soll. „Es
kann auch schon mal sein,
dass er drei Tage nichts anderes macht als einen Resonanzboden zu schleifen",
sagt André Maiwald. Aber auch das gehört
eben zu den Aufgaben eines Klavierbauers. Als besseren Laufburschen sehen die
Maiwalds ihren Azubi jedoch
nicht: „Er bekommt auch Aufgaben mit Verantwortung", sagt André Maiwald. „Und die erfüllt er zu
unserer vollsten Zufriedenheit."Daniel lernt seinen Beruf von der Pike auf, denn
in der Flügelwerkstatt wird buchstäblich noch Handwerksarbeit betrieben: „Es
gibt auch Azubis in Klavierfabriken", sagt André Maiwald. „Aber die lernen ganz
anders als bei uns." Zudem geht das Ausbildungsprogramm über das rein Berufliche
hinaus. Einer der Gründe, die Daniel zum Instrumentenbau zogen, ist seine
Musikalität. Er spielt seit vielen Jahren Cello und Trompete. Und jetzt bekommt
er auch Klavierunterricht: „Da fördern wir ihn", sagt André Maiwald.Gute berufliche
Perspektiven hat Daniel außerdem. Wenn er seine dreieinhalbjährige Lehre
abgeschlossen hat, werden ihn die Maiwalds aller Voraussicht nach
übernehmen. Zudem werden sie dann wohl erneut einen Azubi einstellen. Und das
darf nach den Erfahrungen mit Daniel gerne ein junger Mensch sein, der „nur"
einen Hauptschulabschluss hat: „Das Bild, dass von den Hauptschülern gezeichnet
wird, ist überspitzt", findet André Maiwald. „Uns interessiert der
Mensch und seine praktische Begabung."
Gute Karten für die berufliche Zukunft
Wenn Klavierbau-Azubi Daniel Wiens zur Berufsschule geht, hat er einen ziemlich weiten Weg: Zwei Mal im Jahr fährt der junge Mann nach Ludwigsburg bei Stuttgart, um dort die mehrwöchigen Unterrichtsblöcke zu besuchen. In Schwaben trifft Daniel jene rund 50 Kollegen aus Deutschland und dem benachbarten Ausland, die diesen Beruf derzeit ebenfalls erlernen. Die Zahl der Klavierbauer ist rückläufig, weiß Frank Maiwald, bei dem Daniel seine Ausbildung absolviert: „Ich bin noch mit 90 Leuten in die Berufsschule gegangen."Dafür haben die wenigen Klavierbauer beste Berufsaussichten. Auch wenn Daniel wider Erwarten nicht in der Flügelgalerie Maiwald übernommen werde, müsse er sich um seine Zukunft keine Sorgen machen, versichert sein Chef: „Gute Klavierbauer werden immer gesucht. Wenn man sein Handwerk kann, dann hat man gute Karten."Nun fällt das Stichwort „Klavierbauer" eher selten, wenn man Schüler nach ihrem Traumberuf fragt. Auch Daniel Wiens musste erst darauf gestoßen werden. Der Kontakt zu den Maiwalds, wo er vor der Ausbildung ein Praktikum absolviert hat, kam durch seinen Vater zustande: Er hatte dort ein Instrument für eine Bönener Kirchengemeinde gekauft. „Vorher habe ich auch nicht gedacht, dass das was für mich ist", sagt Daniel. Doch mittlerweile ist er froh, sich für einen anderen Beruf entschieden zu haben als seine Mitschüler: „Die meisten Mädchen wollten Friseurin werden, die meisten Jungen Kfz-Mechaniker." Wenn Daniel im Freundes- und Bekanntenkreis erzählt, was er lernt, erntet er schon mal Erstaunen. Aber dem jungen Mann ist der Stolz über den außergewöhnlichen Beruf durchaus anzumerken.Dass der Weg zur Berufsschule so weit ist, und der Klavierbauer-Azubi dort auf einen überschaubaren Kollegenkreis trifft, hat nach Erfahrung von Frank Maiwald zudem seine besonderen Vorteile: „Da schließt man Freundschaften fürs Leben."
Fotos: Stefan Milk